Veröffentlicht in Allgemein

Die Geschichte einer Fremdbetreuten

Lange war es mehr als ruhig hier. Die Gründe waren vielfältig. Allen voran habe ich Zeit für mich gebraucht. Ich spiele schon lange mit dem Gedanken ein Buch über mein Leben zu schreiben. Vorgeschlagen hat man es mir schon mehrfach. Besonders über meine Zeit in oder wie man sagt auf einem Internat könnte ich viel erzählen und wollte ich auch schon lange. Ich lese zur Zeit viele Diskussionen darüber was es mit Kindern macht früh in Betreuung zu kommen, die Betreuung an sich , den Abschied und all das. Ich möchte heute einfach mal meine Betreuungsgeschichte und eben meine Internatszeit erzählen. Ich kann nur Vorweg nehmen ich wurde schon sehr früh Fremdbetreut. Wobei ich das Wort so doof finde. Am Anfang ist einem jeder Fremd. Doch so bald man die Menschen kennen gelernt und Vertrauen gefasst hat ist es doch nicht mehr Fremd. Im Gegenteil finde ich es sogar Gut und Wichtig das Kinder eine weitere Bezugsperson neben den Eltern haben. Ich bin mir außerdem sicher das Eltern ihr Kinder nirgends ließen wo sie nicht das Gefühl haben sie sind erwünscht und geliebt. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht.

Doch der Reihe nach. Fangen wir am Anfang an. Ich bin 1988 in Berlin geboren. Meine Mutter war sehr schwer krank bei meiner Geburt und es war unklar ob sie mich aufwachsen sehen würde. Daher hatten wir das damals seltene Privileg das sowohl ich als auch mein Vater wann immer wir wollten als Familie zusammen sein konnten. Wir waren bis ich fast 2 Monate alt war in der Klinik. Erst dann waren Mama und auch ich fit genug. Ich konnte nicht gestillt werden durch die Erkrankung meiner Mutter. Ich entwickelte mich trotzdem gut. Ich weiß nicht mehr genau wie alt ich war um die 2 als ich in einen Kinderladen in Berlin kam. Kinderläden sind Kindertagesstätten in den Räumlichkeiten eines Ladenlokales. Häufig in Form eines Vereines. Ich war die Jüngste dort. Ich fühlte mich wohl. Einige Freundschaften von dort bestehen auch heute noch. Ich erinnere mich dunkel, dass ich morgens manchmal weinte, wenn meine Mutter oder mein Vater ging. So etwas wie Eingewöhnung gab es damals nicht. Ich wusste, aber genau das sie wiederkamen, mich liebten und ganz bald wusste ich auch das ich tolle Tage verbringe und immer jemand da war zum kuscheln, spielen, helfen, da sein. Ich war also nur ganz kurz fremdbetreut. Ich hatte nämlich bald eine Herzenserzieherin und diese war mir alles andere als fremd.

Als ich etwas über 3 war wechselte ich in einen Kindergarten. In den oberen Etagen waren die Kindergartenkinder, in den unteren die Hortkinder. Hortkinder waren schon in der Schule und kamen erst zum Mittag. Das riesige Außengelände wurde gemeinsam genutzt. Es führte ein Turm von ganz unten nach ganz oben und über Sproßen konnte man darin herum klettern.

Es kam, dass wir Wochenendfamilie wurden. Mein Vater fand Arbeit in NRW wir blieben in Berlin. Meine Mutter hatte manchmal Termine, so dass sie sehr früh morgens wegfliegen und Abends wieder kam. Es war selten, kam aber vor. Es gab eine Regelung, dass ich dann vor der Kitaöffnungszeit schon bei den Reinigungskräften bleiben durfte und auch bei den Erzieherinnen die eintrudelten und eben schon weit vor den anderen da waren. Viele werden jetzt aufschreien. Wie kann eine Mutter das tun. Rabenmutter. Nein ich habe es geliebt. Ich durfte in die gelben Matten der Großen und auch sonst überall hin wo man sonst nie hin kam. Diese Matten waren eine Riesentobelandschaft überall Schaumstoff, auf dem Boden an den Wänden, in Würfeln und so weiter. Ich liebte es.

Irgendwann kam noch ein Studentenpaar dazu. Manchmal , wenn Mama länger als die Kitaöffnungszeiten arbeiten musste holte mich einer der beiden ab. Ich mochte sie beide. Sie übte oft bei uns zu Hause Querflöte und spielte mir etwas vor. Außerdem konnte sie ganz wundervoll zeichnen und malen. Ich habe noch heute ein Bild von einer Hummel, sie hat es gemalt als wir eine tote Hummel fanden und wir sprachen viel darüber. Außerdem habe ich ein weiteres wunderschönes Bild auf dem wir eine Geschichte die wir uns ausgedacht hatten aufgemalt hatten. Ich mochte die beiden sehr.

Einmal passierte es durch einen Ansprachefehler, dass niemand mich abholte. Meine Erzieherin aus Skandinavien( ich kann noch heute ein ich glaube schwedisches Weihnachtslied)nahm mich mit zu sich. Irgendwann erreichte sie meine Mutter und sie holte mich ab. Ich fand es super ich wusste trotzdem das meine Eltern mich lieben und sah es als Abenteuer.

Als ich in die Schule kam wechselte ich in einen Schülerladen. Ich lernte gerne, doch bald sollten sich Gründe ergeben, warum ich nicht gerne in die Schule ging. Ungefähr in der 3.Klasse kam die Diagnose ADHS. Für meine Eltern erklärte sich jetzt einiges. In Schule tat mir meine Lehrerin keinen Gefallen meiner Klasse zu erzählen ich sei anders als die anderen und man solle Rücksicht nehmen. Danach wurde es wirklich schlimm. Ich wurde gemobbt, gehänselt. Jedes hört auf, geht weg, ich will das nicht irgendwann habe ich dann gehauen. Ich wollte das sie merken das es weh tut, wenn jemand anders nicht auf hört. Die Folge war, dass ich regelmäßig von einer Gruppe Jungs geschlagen wurde. Ich wollte nicht mehr in die Schule und ging doch, weil ich Angst hatte sonst nur einen neuen Grund zu liefern.

Im Schülerladen lief es erst gut und ich ging gerne hin. Irgendwann sah man sich überfordert. Ich war in einer anderen Einrichtung. Ich mochte es dort nicht. Ich ging irgendwann nicht mehr hin und durfte schließlich zu Hause bleiben. Mein Vater wechselte von der Selbstständigkeit in ein Angestelltenverhältnis. Ich war also ab da an ein Schlüsselkind und viel alleine. Ich hatte jedoch genug zu tun. Ging Schwimmen, war in einer Theatergruppe und machte so dies und das.

Die Hoffnung war mit dem Wechsel auf die Weiterführende Schule würde alles besser werden. Ich könne neu starten und wieder gerne in die Schule gehen. Dem war nicht so ich kam mit fast allen aus der Grundschule in eine Klasse. Ich fand einen sehr guten Freund. Wir haben heute noch Kontakt und er stand immer hinter mir.

In der 8.Klasse sprachen meine Eltern mit mir. Ob ich mir vorstellen könne ein Internat zu besuchen. Ich hatte viele Fragen: Wo? Wie lange? Was ist wenn ich mich nicht wohlfühlen, wieder nach Hause möchte. Wir schauten uns verschiedene Schulen an. Ich durfte zur Probe an einer Schule ein paar Tage verbringen. Ich entschied mich es zu versuchen. Am Anfang fühlte ich mich wohl. Doch der Internatsleiter und ich konnten uns nicht leiden. Er unterstellte mir mein Ritalin bzw. später mein Concerta nicht regelmäßig zu nehmen. Wollte meine Eltern überreden, dass ich Risperdal( ein sehr heftiges Psychopharmakon) bekomme. Sowohl meine Eltern als auch meine sehr spezialisierte Kinderärztin wollten das nicht. Irgendwann wohnte ich im Wohnbereich des Schulleiters, er wollte mich vor seinem Kollegen schützen und durfte sehr bald meine Medikamente wieder selber nehmen. Dennoch fühlte ich mich oft alleine und auch die Entfernung ( um die 800km) zu meinen Eltern machten mir zu schaffen.

Ich sprach mit meinen Eltern meine Leistungen in der Schule waren gut. Vieles mochte ich auch. Ich war in der Feuerwehr, schwamm, machte dies und das. Mit meinen Eltern schaute ich andere Schulen an. Wir kamen nach Norddeutschland, auch in meiner Heimatstadt schaute ich mir ein Internat an. Das in der Heimat war mir zu nah und das man nur dort wohnte und dann auf verschiedene öffentliche Schulen ging gefiel mir nicht. Wir machten einen Ausflug in ein Schwimmbad in der Nähe meiner Eltern. Alles in den Tagen als ich mir die Schule anguckte. Ich war sicher das will ich nicht.

Die Schule in Norddeutschland gefiel uns allen wir waren uns einig das soll sie sein. Ich wechselte nach den Sommerferien. Das erste halbe Jahr war schwer. Meine Eltern sagten durchhalten sonst kommst du wieder nach Hause und wir finden eine Lösung.

Nach einem halben Jahr wollte ich nicht mehr nach Hause. Ich hatte Freunde gefunden. Auch hier gab es manchmal Sticheleien und Hänseleien. Doch auch viel Liebe und es wurde auf den Menschen geschaut. Ich hatte Hobbys, Freunde und ging das erste mal im Leben gerne in die Schule. Ich machte Chemiewettbewerbe, war in einer Rettungshundestaffel, nähte. Ich hatte meine beste Freundin. Lediglich als sie die Schule verließ war es schwer. Doch ich hatte weitere Freunde. Wir hatten einfach sau viel Zeit mit einander verbracht. Es war wirklich schön. Wir haben häufig Ausflüge gemacht, viel mit den Rädern in die umliegende Natur, mal ins Kino, mal Schwimmen. Es war einfach schön. Als sie die Schule verließ habe ich mich voll in die Rettungshundestaffel gekniet.
Ich war viel unterwegs. Dadurch das ich als sehr zuverlässig galt hatte ich bald einen Haustürschlüssel zum Wohnhaus, durfte später kommen oder musste nur sagen wo ich bin und durfte dort bleiben. Wie es bei Internatsschülern häufig ist hatte auch in eine Lehrerin zu der ich ein sehr enges Verhältnis hatte. Sie und ihr Mann waren und sind für mich wie ein zweites Paar Eltern.  Ein gutes Gefühl. Ihr Mann ist Arzt ich konnte alles Fragen in den Bereich eintauchen in den ich wollte.

Die Oberstufe kam. Meine Mutter fragte ob ich diese nicht wieder bei ihnen verbringen wollen würde. Auf keinen Fall. Ich hatte Freunde, ich war Integriert, war angekommen. Noch mal neu Anfangen, wieder meine Stellung finden und verteidigen. Nein. Ich wollte bleiben und ich blieb.

Für mich muss ich sagen war Fremdbetreuung immer Gut. Ich weiß, dass meine Eltern mich lieben. Dennoch wurde mir etwas zu getraut, ich konnte wachsen. Besonders die Internatszeit möchte ich nicht missen. Sie hat mir geholfen zu lernen selbstständig zu leben, in einer Gruppe zu agieren, sich unter zu ordnen, mich zu behaupten und all das.

Auch der Kindergarten war wunderbar. Ich hatte nie das Gefühl von Angst oder Abgeschoben zu sein im Gegenteil. Auch als ich ins Internat kam. Meine Mutter weinte oft, weil sie oft diese Angst hatte ich würde mich so fühlen. Nein. Fremdbetreuung ist nicht fremd, wenn man die Leute kennen und lieben lernt und das tat ich. Für mich waren das nie Fremde. Auch für meine Eltern nicht es waren Menschen die mit ihnen ihre Tochter auf ihrem Weg ins Leben begleiteten.

Wie steht ihr zu Kindergarten, Internat und Co? Können Kinder daran wachsen? Kann es ihnen Selbstbewusstsein geben?

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