Veröffentlicht in Allgemein, Blaulichtgeschichten, Krankheit & Leben, Nähkästchen, persönlicher Senf, Persönliches, Prägendes

Nähkästchen #4 oder wie ich mal sehr weinte

Es war ein Tag wie jeder anderer. Wir waren zu dritt. Eine Kollegin, ein Azubi und ich waren die Besatzung für den heutigen angeblichen Sommertag. Der Tag plätscherte so vor sich hin. Ich fahre mit einer Freundin an diesem Tag, auch den Azubi kann ich gut leiden.

Der Melder reißt uns aus unserer Lernrunde. Ich hatte ein Thema aus der Ausbildung vorbereitet und nun mit dem Azubi in Theorie und Praxis noch einmal aufgefrischt. Ich gucke auf den Melder und denke na das kann ja was werden. X Jahre tickt aus steht dort nur und die Adresse einer Wohneinrichtung für Kinder und Jugendliche. Ich denke mir noch und was genau sollen wir da jetzt. Wenn ich mit euren Schützlingen überfordert seit ist das ja nun nicht unser Problem. Wir schauen uns alle 3 an und steigen Kopfschüttelnd ins Auto. Die Kollegin und ich besprechen ein wenig das Vorgehen.

Mit voller Beschallung eilten wir zur Einsatzstelle. Das Haus ist in einer normalen Wohngegend, aber nicht schön. Vor einigen Fenstern sind Gitter. Wir beschließen erst einmal nur den Rucksack und das Diensthandy mit zu nehmen. Außerdem war besprochen uns erst einmal die Lage anzuschauen und dann weiter zu entscheiden.

Im Haus angekommen treffen wir auf die Betreuer.Alles ist ruhig im Haus kein Schreien, Randalieren oder sonst etwas ist zu hören. Langsam regen sich Zweifel in mir. Der Betreuer bittet uns mit ins Büro zu kommen. Er zeigt uns die Akte unseres zukünftigen Patienten. Ich schaue auf das Geburtsdatum. Er ist am gleichen Tag wie ich geboren, allerdings 12 Jahre jünger als ich. Ich schaue auf die Medikation und erschrecke. Ritalin, Risperdal und Co. Ich erfrage die Geschichte des Jungen.

Schnell zeichnet sich ein Bild. Er war hier her gekommen als die Eltern mit den sich häufenden Problemen überfordert waren. Es gab Ausraster denen sie nicht zu begegnen und damit umzugehen wussten. Auch der Unruhe und fehlenden Konzentration sollten lediglich Medikamente Einhalt gebieten. Es wird schnell deutlich Liebe, Auslastung, Förderung gab es dort nicht. Stattdessen eben Hammermedikamente. Auch scheint der Junge schon einige Ausflüge in die Kinder und Jugendpsychiatrie hinter sich zu haben. Es gibt Kontakt zu den Eltern. Jeder erneute Abschied breche ihm das Herz. Ich merke wie meines anfängt zu schmerzen.

Nun frage ich nach dem Grund der Alarmierung von uns. Naja es habe Streit gegeben und der Junge habe eine Wasserflasche auf den Boden geworfen die kaputt gegangen sei. Ich frage nach ob es Verletzte gäbe oder es zu körperlichen Angriffen kam. Nein es wäre eine Plastikfalsche gewesen. Mir wird so einiges klar. Anschließend sei er in sein Zimmer und als eine Person der Einrichtung kam aus dem Fenster abgehauen nun wäre er aber in seinem Zimmer. Mir wird so vieles klar.Er habe außerdem wohl weibliche Mitarbeiter manchmal distanzlos behandelt. Er habe wohl ein wenig, aber eher harmlos gegrapscht. Auch das fügt sich ins Bild. Lieber negative, als gar keine Aufmerksamkeit.

Ich bespreche mich kurz mit der Kollegin und erkläre dem Azubi unsere Entscheidung, dass ich erst einmal alleine zu dem Jungen gehen würde und schauen würde. Ich wollte ihn nicht gleich mit 3 Menschen in Rot, die auf ihn noch pathologisierender, noch angreifender, noch abschreckender wirken muss. Ich hoffte sein Vertrauen gewinnen zu können.

Ich begab mich zu dem Zimmer und klopfte. Ein wer ist da Erfolgte. Ich antwortete: Hier ist die Chaosqueenlein vom Rettungsdienst. Darf ich rein kommen? Hmm ertönt es von drinnen. Langsam öffne ich die Tür und der nächste Stich trifft mein Herz. In dem Zimmer befinden sich ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Regal und ein Schrank. Ein paar Klamotten fliegen auf dem Boden rum, ein paar scheinbar Schulsachen sind dort. Es ist nichts dort was den Raum wohnlich oder persönlich machen würde. Kein Bild, kein Poster, kein Buch, gar nichts.

Ich lasse mir von ihm erzählen was aus seiner Sicht passiert ist. Es habe Streit um irgendwas gegeben. Wie es für Kinder normal ist. Er merkte wie diese Wut kam und bevor er auf irgendwen losgeht habe er die Flasche geworfen. Danach habe er sich so geärgert das er nicht adäquater reagiert hat und wollte sich in sein Zimmer zurück ziehen wollen und erst mal beruhigen. Abgehauen sei er, weil dieser Wunsch nicht respektiert wurde und ständig einer kam und mit ihm reden wollte. Auf die Frage nachdem grapschen erzählt er, dass er sich Wünsche das einfach mal jemand ihn wahr nimmt oder in den Arm nimmt.

In mir rastet etwas ein. Es fällt mir schwer Professionell zu bleiben. Ich habe das Gefühl mir selber nur im anderen Geschlecht vor ein paar Jahren gegenüber zu sitzen. Ich sehe eigentlich kein Grund den Jungen mit zu nehmen. Längst ist er wieder ruhig. Ich frage ihn dennoch ob er mit möchte, will ihm die Möglichkeit geben eine Nacht Abstand von allem und der Einrichtung zu haben. Er lehnt ab, er wolle es besser machen. Ich frage ihn ob es heute denn ohne weitere Wutausbrüche klappt. Er ist sich sehr sicher, ich auch.

Ich teile also den Betreuern das alles so mit. Diese sagen ja wir waren uns halt nicht sicher, sind ja keine Profis. Ich denke mir eigentlich solltet ihr die ihr das Leben dieser jungen Menschen maßgeblich gestaltet mehr Ahnung als wir Rettungsmenschen haben. Er erzählt noch das der Junge wahrscheinlich bald auf ein Internat soll.

Wir verabschieden uns. Meine Kollegen werden den Patienten nicht einmal gesehen haben. Ich werde alles schreiben, alles in meinem Kopf haben. Schweigend steigen wir ins Auto. Noch auf dem Rückweg zur Wache heule ich wie ein Schlosshund versuche es meiner Kollegin zu erklären. Ob sie es wirklich versteht ich weiß es nicht. Sie gibt Gegenargumente es zeigt mir nein sie versteht es nicht.

Der Dienst geht zu Ende, ich rufe meine Mutter an und weine wieder. Sie versteht mich und  versteht was mich bewegt. Ich denke viel an den Jungen. Wenn ich könnte ich würde ihn zu uns nehmen und ihm zeigen wie solch ein Weg auch sein kann.
Was genau hatte mich nun so sehr beschäftigt?

Auch ich bin mit der Diagnose ADHS aufgewachsen. Auch ich habe viele Jahre Ritalin bekommen. Ein Mensch der von ich nenne es mal professioneller Seite an meiner Erziehung beteiligt war, wollte meinen Eltern einreden, dass ich Risperdal (Klick) ganz dringend bekommen müsste. Sie entschieden sich glücklicherweise dagegen.

Ich kenne dieses Gefühl ein Dauerrauschen im Kopf zu haben. Auf mehreren Ebenen gleichzeitig wahr zu nehmen. Dinge wahr zu nehmen die andere schon in erster Instanz filtern. Als Kind war ich überfordert. Von all dem was da ungefiltert auf mich einströmte und mich überschwemmte. Heute weiß ich das ADHS für mich auch ohne Medikamente zu nutzen.

Ich kenne aber nur mal auch diese wie alles ungefilterten Emotionen und verminderte Impulskontrolle. Ich kenne diese Wut die einen plötzlich und trotz des unbedingten Willen     ruhig zu bleiben überrollt. Ich habe mich geprügelt bin ausgerastet und all das. Auch meine Eltern waren lange überfordert. Auch ich kenne diesen Wunsch danach alleine zu sein und weiß was es bedeutet das dies nicht respektiert wird. Ich weiß wie es ist eben deshalb der Außenseiter zu sein. Wie es sich anfühlt deshalb gemobbt, geschlagen, ausgegrenzt zu werden. Ich habe die Schule bis zu Oberstufe gehasst. Dieser kleine Junge war einfach ein Spiegel meiner selbst.

Mit einem entscheidenden Unterschied und dieser Unterschied wurde mir genau dort bewusst. Er machte mich dankbar und zugleich so traurig. Einfach weil es mir geschenkt war und ihm nicht. Ich hätte so gerne etwas für ihn getan und wäre es einmal die Woche ihn aus dieser Einrichtung holen.

Was war nun der Unterschied. Meine Eltern haben mich trotz aller Forderung, Überforderung, Ängste und was weiß ich nicht in abgegeben, haben mit mir gekämpft und nicht aufgegeben. Ja ich war später in einem Internat,aber das wollte ich und auch dort haben sie mich begleitet gehalten und getragen. Ja es gab viele Probleme, da auch sie nicht wussten wie es in mir aussieht und wie sie richtig reagieren sollen. Doch eines wusste ich eigentlich immer ich bin geliebt, gewollt und mit das wichtigste für meine Eltern. Ich wusste ja ich muss in vielen Punkten sehr selbstständig sein, aber wenn es wirklich wichtig ist stehen meine Eltern bedingungslos hinter mir und kämpfen wie die Löwen für mich. Meine Eltern machten sich viele Gedanken, besuchten Kurse, forderten und förderten mich, powerten mich durch Sport aus, spornten mich an und all diese Dinge die eben wichtig sind. Sie haben eben nicht resigniert.

Heute kann ich streiten. Heute weiß ich das eine Beziehung nach einem Streit normal weiter gehen kann. Heute ist vieles anders. Doch dieser Einsatz dort hat mich verändert. Es zeigt mir einfach wie schnell ein Weg negativ sein kann und wie wichtig Liebe ist. Wie wichtig es ist Eltern zu stärken. Ich würde mir wünschen, dass es für Eltern mit Kindern mit speziellen Bedürfnissen mehr Hilfe gibt. Vor allem das ADHS nicht immer nur als Modediagnose und mangelnde Zuwendung abgestempelt wird. Es ist wichtig diese Kinder zu fördern, die meisten sind mehr als Intelligent. Es ist Mühe, aber es lohnt sich. Heute liebe ich mein so genanntes Rauschen im Kopf. Wäre es plötzlich still würde mich das irritieren man muss es lernen es zu nutzen. Ich kann heute mit dem Patienten zu hören, dem Kollegen zu hören was er die Angehörigen fragt, daneben einen Zugang legen und den Azubi beaufsichtigen. Das ist eben auch eine Gabe.

Ich bin also dankbar und glücklich solche Eltern zu haben. Doch der Gedanke an den Jungen man lässt mir immer wieder die Tränen in die Augen schießen. Einfach weil er scheinbar immer nur als Problem gesehen und behandelt wurde. Da war keine Liebe. Er suchte so Verzweifelt nach Zuwendung, Führung und Annahme, dass er sogar so weit ging negative Aufmerksamkeit in Kauf zu nehmen. Hauptsache er wird gesehen. Ich war mir sicher das man eben mit der richtigen Mischung aus klaren Regeln, Liebe, Grenzen, Freiheiten, Beschäftigung, Forderung und Förderung einen tollen Jungen hätte erhalten können. Der eben genau richtig ist wie er war. So wie es bei mir war. Doch diese Dinge ins besondere auch klare Grenzen, aber auch zutrauen waren ganz wichtig.

Als letztes bleibt einfach nur zu sagen ich bin dankbar und manchmal ist diese Erkenntnis schmerzlich und wichtig zu gleich.

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